Faktencheck – alle Vorurteile über Urban Farming geprüft

Faktencheck – alle Vorurteile über Urban Farming geprüft
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  • Beitrag veröffentlicht:04/11/2020
  • Beitrags-Kategorie:Uncategorized
  • Lesedauer:10 Minuten zum Lesen

Urban Farming hat in Deutschland einen schwierigen Stand. Noch gibt es hierzulande kaum Artikel oder Dokumentationen, die sich tatsächlich mit dem Thema auseinandersetzen. Kleines Beispiel gefällig? Als ich zu “Ist Urban Gardening gesund” recherchierte, erhielt ich an erster Stelle einen Artikel von stern.de aus dem Jahr 2012.[1]

2012! Ich würde dann doch behaupten, seitdem hat sich einiges getan. Zudem, und nichts für ungut, hat sich der Artikel äußerst oberflächlich mit der Thematik befasst. Das Fazit der darin diskutierten Studie: Stadtgemüse erhält zwar erhebliche Mengen an Schadstoffen, jedoch wird zu einer ganzheitlicheren Sicht aufgerufen.

Diese blieb allerdings aus – zumindest im deutschsprachigen Raum. Zumindest bis heute. Dieser Artikel soll sich einer solchen ganzheitlichen Sicht widmen. Er untersucht gängige Vorurteile und Fragen rund um den Anbau von Obst und Gemüse in städtischen Gebieten. Diesen Ansatz übertragen wir auf das Thema Urban Farming – mit dem Ziel, alle Vorurteile aus dem Weg zu räumen.

Dann schauen wir mal, ob uns das gelingt!

1. Ist Urban Farming kompliziert?

Jaein. Ein generelles Missverständnis besteht darin, dass Urban Farming lediglich der Anbau an Hochhäusern sei. Wäre das der Fall, dann wäre auch das Vorurteil sicherlich äußerst zutreffend. Bei einer solchen Projektgröße sind nicht nur die eingesetzten Technologien, sondern auch die regulatorischen Auflagen äußerst komplex. Beispiel: Brandschutz.
Wir setzen uns allerdings für eine Denke ein, die ein solches Bild nachhaltig aus dem Weg räumt. Sicherlich haben solche Projekte ihre Berechtigung. Dennoch ist das Thema Urban Farming so viel mehr – so viel alltäglicher. Gärtnern in der Stadt, oftmals auch mit Urban Gardening, aus unserer Sicht einem Unterpunkt von Urban Farming, gleichgesetzt – das kann jeder. Von pragmatischen DIY-Ansätzen bis hin zu kommerziellen Angeboten ist in diesem Kontext alles denkbar.

DIY-Ansätze

DIY-Ansätze befassen sich größtenteils mit dem Thema Urban Gardening, sprich: dem eigenen Gärtnern in der Stadt. Hierbei kann bereits jeder mit einem Kräuter- oder Microgreengarten auf dem Fenstersims anfangen. Wer etwas mehr Platz oder sogar Balkon oder eigenes Beet zur Verfügung hat, der sollte sich platzsparende Gemüsesorten wie Radieschen oder Bohnen anschauen. Keine Sorge: Dieser Blogartikel befasst sich genau mit solchen Themen. Neben den passenden Gemüsesorten werden spätestens jetzt auch Techniken zum platzsparenden Anbau wichtig. Auch hier keine Panik: Dieser Blogartikel fasst alles gut zusammen.

Kommerzielles Urban Farming

Kommerzielles Urban Farming ist etwas komplizierter. Doch auch hier legen wir dir ans Herz, nicht alle Ansätze in einen Topf zu werfen. Die beiden gängigsten Varianten stellen wir dir jetzt einmal vor.

1. Die Nutzung von städtischen Bodenflächen

Bei diesem Ansatz werden mehrere Anbauflächen in der Stadt genutzt. Der Vorreiter dieser Methode ist Curtis Stone, der durch angemietete Grundstücke in den USA ein äußerst profitables Geschäft aufgebaut hat. Wer mehr über ihn erfahren möchte, sollte sich einmal seinen Youtube Kanal anschauen. Sein Konzept der dezentralen Gärten haben wir dir in diesem Blogartikel etwas näher beschrieben.

2. Die Nutzung von Indoor Systemen

Dies ist bestimmt die komplizierteste, aber dadurch nicht minder faszinierende Variante des Urban Farming. Um unabhängiger von äußeren Umwelteinflüssen zu werden, nutzen immer mehr Farmer den Indoor-Anbau. Hierbei werden Lebensmittel im Gebäude selbst gezüchtet und mit künstlichem Licht versorgt. Eine optimale Wasser- und Nährstoffzufuhr kann durch unterschiedliche Anbausysteme sichergestellt werden. Die gängigsten Varianten sind Hydroponik und Aeroponik. Wer mehr über das ganze Thema Indoor Farming erfahren möchte, kann sich einmal diesen Blogartikel anschauen.

2. Ist Urban Farming wirklich so teuer?

Jaein. Wie wir bereits in Punkt 1 gelernt haben, ist Urban Farming nicht gleich Urban Farming. Der Preis eines Urban Farming Projektes hängt stark von seinem Umfang und der vorhandenen Infrastruktur ab. Daher ist eine allgemein gültige Aussage hier nicht möglich. Generell lässt sich aber sagen, dass private DIY-Ansätze schon für wenige Euro umzusetzen sind. Wer zum Beispiel alte Paletten verwendet und die Samen vom Nachbarn bezieht, gibt sogar gar kein Geld aus.

Ein kommerzieller Ansatz benötigt selbstverständlich eine größere Investition. Doch auch hier schwanken die Kosten von Projekt zu Projekt sehr stark. So kannst du ein Microgreen Business bei vorhandenen Räumlichkeiten schon für unter 600€ starten, größere Vorhaben gehen sehr schnell in den Millionen-Bereich.

3. Ist Urban Farming tatsächlich unprofitabel?

Nein. Diesem Vorteil möchten wir ein für allemal einen Riegel vorschieben. Auf der ganzen Welt sind viele Menschen und Projekte zu finden, die bereits sehr gutes Geld verdienen. Ein gutes Beispiel ist das Microgreen Business in den USA. Hier werden teils Margen von weit über 70% erzielt – alles mit verhältnismäßig geringen Investitionskosten. Doch auch industrielle Indoor Farmen wie Plenty oder Aerofarms haben sich ein äußerst profitables Geschäft aufgebaut. Beide erhalten Fördergelder in Millionenhöhe und können bereits namenhafte Kunden vorweisen. Mehr über die Beiden erfährst du hier.

4. Ist Urban Farming/ Urban Gardening giftig?[2]

Obst und Gemüse, das in der Stadt angebaut wird, hat ein erhöhtes Risiko der Schadstoffaufnahme. Es ist wichtig, die Quellen und Übertragungswege solcher Schadstoffe zu kennen und im Anschluss zu blockieren. Nur dann ist der Anbau von Lebensmitteln auch in städtischen Gebieten sicher und unbedenklich.

Soviel also für das Google Snippet. Im Folgenden möchten wir uns dann doch einmal etwas genauer damit auseinandersetzen. Beim Thema Verschmutzung sind eine Vielzahl an Faktoren zu berücksichtigen. Neben den in Frage kommenden Schadstoffen und deren Übertragungswege sind auch die betroffenen Pflanzenarten zu untersuchen.

4.1 Schadstoffe und deren Übertragungswege

Mögliche Schadstoffe

Städtisches Gemüse hatte in früheren Untersuchungen teilweise deutlich höhere Anteile an Schadstoffen als herkömmlich produzierte Lebensmittel. Hierbei wurden insbesondere Schwermetalle wie Blei, Cadmium, Zink, Kupfer und Nickel nachgewiesen.[3]
Doch neben ihrer unterschiedlichen Schädlichkeit sind die Metalle auch in ihrer Wechselwirkung mit der Umwelt zu untersuchen. So ist Blei beispielsweise weniger mobil als Cadmium, es gelangt aber leichter in Pflanzen mit saurem Boden.

Unterscheidung der Übertragungswege

Bei den Übertragungswegen wird zwischen boden- und luftbedingter Verschmutzung unterschieden. Erstere breitet sich über das Wurzelsystem aus, während letztere durch oberirdische Pflanzenteile aufgenommen wird. Für beide Fälle gibt es jedoch effektive Lösungsansätze, um Schadstoffe nachhaltig zu vermeiden.

Luftbedingter Verschmutzung entgegenwirken

Um Verschmutzungen dieser Art zu vermeiden, helfen Barrieren. Allgemein gilt der Grundsatz: Je näher an einer vielbefahrenen Straße angebaut wird, desto schlechter und ungesünder. Praktisch bedeutet das, den Garten eher indoor oder im Hinterhof anzulegen als direkt neben der Hauptstraße. Falls sich die Straßennähe nicht vermeiden lässt, helfen Barrieren in Form einer Hecke oder eines Gewächshauses. Oder Trick 17: einfach aufs Dach gehen. Untersuchungen in Paris haben ergeben, dass der Gemüseanbau ca. ab dem 3. oder 4. Stockwerk gesundheitlich unbedenklich ist. Nur eine der 5 untersuchten Dachfarmen überschritt die Grenzwerte der EU – und hierbei handelte es sich um sehr empfindliche Küchenkräuter. Generell nimmt die Schadstoffkonzentration also ab einer gewissen Höhe drastisch ab. Good News!

Bodenbedingter Verschmutzung entgegenwirken

Um Schwermetalle in städtischen Böden zu vermeiden, sollte am Besten generell auf städtischen Boden verzichtet werden. Wie das? Durch innovative Anbautechnologien. Wie an anderer Stelle erwähnt, existieren mit den Hydroponik- und Aeroponik-Ansätzen bereits Methoden, die komplett auf Erde verzichten. Durch ein geregeltes und kontrolliertes Kreislaufsystem lassen sich bodenbedingte Verschmutzungen nahezu komplett vermeiden.

4.2 Unterscheidung der Pflanzen

Nicht alle Pflanzenarten sind gleich empfindlich gegenüber Boden- oder Luftverschmutzungen. So ist Obst oftmals weniger von Blei belastet als Gemüse. Doch auch letzteres kann noch einmal unterschieden werden. Blatt- und Wurzelgemüse ist atmosphärischen Partikeln eher ausgesetzt und hierdurch stärker gefährdet als Fruchtgemüse. Heißt: Setze eher auf Tomate und Paprika anstatt Salat und Rote Beete. Gartenkräuter wie Petersilie sollten hingegen inmitten einer Großstadt ganz vermieden oder indoor angebaut werden.

Des Weiteren gilt es, die Wachstumszeit der Pflanze zu beachten. Je länger sich ein Obst oder Gemüse im Boden befindet, desto stärker ist auch das Risiko einer Schadstoffübertragung.

5. Ist Urban Farming wirklich nicht nachhaltig?

Auch hierbei kommt es auf das Projekt an. Indoor Farming spart durch präzise Wasserkreisläufe bis zu 90% an Wasser im Vergleich zur traditionellen Landwirtschaft ein. Hinzu kommt der komplette Verzicht auf Pestizide, wodurch Tier und Umwelt geschützt werden. Ausgelaugte Böden können endlich wieder der selbstständigen Regeneration überlassen werden, gleiches gilt für Ökosysteme an Land und im Wasser. Dieser Reihe an Vorteilen steht lediglich der Energieverbrauch durch die künstliche Belichtung gegenüber.

Werden städtische Boden- oder Dachflächen verwendet, kann das Farming unter freiem Himmel erfolgen und benötigt daher kein zusätzliches Licht.

Die Frage der Nachhaltigkeit stellt sich also nur für größere Indoor-Farmen, die augenscheinlich eine Menge an Energie benötigen. Innovative Unternehmen wie Aerofarms nutzen längst effiziente LED-Systeme. Diese können ihre Beleuchtung genau auf die Farben abstimmen, die die Pflanzen für ihre optimale Synthese benötigen. Im Vergleich zu klassischen Leuchtstoffröhren von früher also ein enormer Fortschritt im Hinblick auf Stromverbrauch und Nachhaltigkeit.[4]

Der übrige Energiebedarf muss also den Vorteilen entgegengerechnet werden, um den ökologischen Fußabdruck zu bestimmen. Aus unserer Sicht ist die Sache klar: die Ernährung von rund 8 Milliarden Menschen bietet aktuell keine andere Alternative. Werden regenerative Energiequellen zukünftig weiter subventioniert und dadurch bezahlbar, sind Indoor Farmen nicht nur bald schon CO2-neutral. Vielmehr leisten sie zusätzlich einen aktiven Beitrag zur Vermeidung der aktuellen Umweltzerstörung.

Fazit

Wir hoffen, wir konnten mit diesem Artikel gängige Vorurteile gegenüber Urban Farming aus dem Weg räumen. Ja, es ist immer noch eine relativ neue Technologie – aber dennoch wird sie schon seit Jahren konstant weiterentwickelt.

Wirklich kompliziert wird das Thema erst, wenn wir uns mit großflächigen, industriellen Lösungen auseinandersetzen – aber das müssen ja gottseidank nur die Wenigsten. Gehen wir einen eher pragmatischeren Ansatz wie bei unserem Miet Mein Beet Konzept, halten sich neben der Komplexität auch die Kosten in Grenzen.

Die Selbstständigen, die ein Business im Urban Farming Bereich anstreben, können wir hierfür nur ermuntern. Denn der städtische Anbau von Lebensmitteln kann profitabel sein und ist es vielerorts schon – auch in Deutschland.
Schadstoffe sind nur unter freiem Himmel und mitten in der Stadt ein Thema. Versuche daher, beim Anbau vielbefahrene Straßen zu meiden oder entsprechende Barrieren zu errichten. Falls du ein höheres Dach zur Verfügung hast – umso besser! Gerade wenn du professionell produzieren möchtest, lohnt sich ein Blick auf neue Anbautechnologien wie Hydroponik und Aeroponik.

Und zu guter Letzt: das Thema Nachhaltigkeit. Indem du deine Stimme nicht mehr dem Status Quo der traditionellen Landwirtschaft gibst, sparst du bis zu 90% an Wasser ein. Hinzu kommt das Schützen von Tier und Umwelt. Wenn du zusätzlich noch auf eine effiziente LED-Beleuchtung achtest, leistest auch du einen enorm wichtigen Beitrag für eine bessere Zukunft.


[1] Stern.de
https://www.stern.de/gesundheit/ernaehrung/urban-gardening-so-ungesund-ist-das-stadtgemuese-3455050.html#:~:text=Das%20hat%20nun%20die%20TU,f%C3%BCr%20%C3%96kologie%20der%20TU%20Berlin.

[2] Fiels Actions Science Report: Urban agriculture and health: assessing risks and overseeing practices
https://journals.openedition.org/factsreports/5854

[3] Stern.de
https://www.stern.de/gesundheit/ernaehrung/urban-gardening-so-ungesund-ist-das-stadtgemuese-3455050.html#:~:text=Das%20hat%20nun%20die%20TU,f%C3%BCr%20%C3%96kologie%20der%20TU%20Berlin.

[4] Treehugger
https://www.treehugger.com/i-was-wrong-about-vertical-farms-aerofarms-shows-how-make-them-really-work-4856386

Stephan

kümmert sich um die Eventorganisation, die Content Creation sowie das Corporate Design unserer Marken Refarm & MMB.

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